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Ein offener Brief von Thomas Brussig an den Help e.V.

Was ist die wahre Beleidigung?
Sehr geehrter Herr Hussock vom "Help e.V."-Vorstand,

einer dpa-Meldung entnahm ich, dass der "Help e.V." gegen den "Sonnenallee"-Regisseur Leander Haußmann Strafanzeige wegen "Beleidigung der Maueropfer" stellte. Da ich derjenige bin, der ihn zu diesem Abenteuer anstiftete, können Sie auch gegen mich Strafanzeige stellen.

Zu reden ist von einer Beleidigung. Kein Zweifel - es gibt sie. Doch die "Beleidigung der Maueropfer" besteht nicht darin, was "Sonnenallee" zeigt. Die Beleidigung liegt außerhalb des Films. Sie besteht darin, dass sich kaum jemand für die Opfer politischer Gewalt in der DDR interessiert, sie besteht darin, dass es keine reue gab und gibt, sondern nur allgemeines Schulterzucken von Menschen, die plötzlich keine Täter mehr gewesen sein wollen. Und wo es keine Täter gibt, kann es auch keine Opfer geben. Dass viele Opfer eine derartige Entwertung ihrer Erfahrungen erleben, sehe ich wohl, und ich sehe es mit Schmerz.

Die Opfer politischer Gewalt haben ein Recht auf Wiedergutmachung für das erlittene Unrecht. Dieses recht steht auf dem Papier, es einzulösen ist ein höchst ehrenwertes Anliegen Ihres Vereins.


Ihre Klienten berichten sicher oft, dass sich niemand für ihr Schicksal und ihre Gefühle interessiert. Ich interssiere mich für die Gefühle der Opfer, die auf dem erlebten Unrecht sitzen gelassen werden, für ihre Hilflosigkeit und ihre Verbitterung. All diese Gefühle sind mir ein Thaterstück wert (das im Herbst Uraufführung haben wird).

Mir ist egal, was eine ehemalige Schuldirektorin oder ein Filmkritiker zur "Sonnenallee" meinen, aber mir ist nicht egal, wie die Opfer politischer Gewalt, Ihre Klienten also, damit umgehen. Wenn es Sie interessiert - Ihre Anzeige enttäuscht mich, aber sie wundert mich nicht. Ein Trauma ohne Resonanz will sich Gehör verschaffen. Und das umso dringender, je erfolgreicher "Sonnenallee" istÖ Bald wird die magische 2,3-Millionen-Grenze geknackt sein, und "Sonnenallee" wird mehr Zuschauer haben, als die SED Mitglieder hatte.

Wie stellen Sie sich eigentlich den Prozess vor? Ein Richter, der voller Vorfreude ins Gerichtsgebäude kommt, weil er in der Beweisaufnahme "Sonnenallee" zeigen wird, ein proppenvoller Gerichtssaal mit Leuten, die in den Genuss einer Gratisvorstellung kommen wollen, kichernde Schöffen... Spätestens dann kapieren Sie, dass die "Sonnenallee"-Macher einzig und allein etwas in die Welt gesetzt haben, was die Gefühle von vielen Menschen trifft.

Sie wissen, dass Ihre Anzeige keine Aussicht auf Erfolg hat: Das Grundgesetz schützt die Freiheit der Kunst. Womit bezahlen Sie einen Prozess, den Sie nur verlieren können? Ich darf diese Frage stellen, denn ich habe "Help e.V." im Oktober 1999 eine Spende zukommen lassen, und zwar in einer Höhe, wie ich nie zuvor gespendet habe. Ich durfte annehmen, dass diese Spende zu einem guten Zweck verwendet wird; in meinem Bekanntenkreis gibt es ein Stasi-Opfer, das dank "Help e.V." entschädigt wurde. Ich sehe mich nun in einer paradoxen Situation: Ich muss annehmen, dass die Spende, die ich Ihnen machte, dazu genutzt wird, gegen einen Regisseur vorzugehen, weil der einen Stoff verfilmte, den ich ihm antrug.

Eine Opferorganisation sollte die unselige Isolation zwischen verletztem Opfer und desinteressierter Gesellschaft überwinden, anstatt diese Isolation durch lächerliche Anzeigen mit noch lächerlicheren Begründungen zu verhärten.

Thomas Brussig

Hintergrund:
Die Hilfsorganisation für die Opfer politischer Gewalt "Help" hat, wie am 28.01.2000 gemeldet, Strafanzeige gegen Leander Haußmann, den Regisseur des Films "Sonnenallee", wegen Beleidigung der Maueropfer gestellt: Der Film zeige einen Tanz vor der "Mordmauer..., als diese Mauer blutige Alltagsrealität war". Am Drehbuch war auch der Schriftsteller Thomas Brussig beteiligt, der zeitgleich mit dem Film seinen Roman "Am kürzeren Ende der Sonnenallee" veröffentlichte.


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