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Warum eine Mauer

Die SED hatte mit einer sich seit 1960 verschärfenden innenpolitischen Krise zu kämpfen. Die Fluchtbewegung in Richtung Westen war durch die unerbittliche und in hohem Tempo vorangebrachte Kollektivierung der Landwirtschaft sowie zum Teil des Handwerks verstärkt worden, Versorgungsengpässe verschärften die Situation weiter. Die Planzahlen hatten sich als zu optimistisch herausgestellt und mußten nach unten korrigiert, die Staatsverschuldung erhöht werden.Um die innenpolitischen Probleme dem "Klassenfeind" anlasten zu können, bezeichnete die DDR-Führung das im September 1960 durch die Bundesregierung aufgekündigte Interzonenabkommen als vom Westen gesteuerten "Wirtschaftskrieg".


In zwei Briefen an Nikita Chruschtschow räumte Walter Ulbricht ein, daß aufgrund der desolaten wirtschaftlichen Lage der Siebenjahrplan nicht mehr erfüllt werden könne und nach unten zu korrigieren sei (1958).

Im zweiten Brief, im August 1961 geschrieben, beklagte Ulbricht die kurzfristige Verschuldung bei Staaten des kapitalistischen Auslands in Höhe von 550 Mio. Valutamark und berichtete, daß die DDR im Jahre 1960 zeitweise zahlungsunfähig gewesen sei. Dabei versäumte Ulbricht nicht zu erwähnen, daß die wirtschaftlichen Schwierigkeiten nicht zuletzt auch Folgen des hohen Anteils der DDR am Anlagen- und Maschinenexport in die sozialistischen Länder seien. Diese brachten der DDR keine westlichen Devisen.

Während sich auch im Jahre 1961 die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der DDR kontinuierlich verstärkten, verlief die Konjunktur in der Bundesrepublik besonders günstig. Die Wahrnehmung des andauernden Wirtschaftswunders der DDR-Bürger vor allem durch westdeutsche Medien ließ das Gefühl der eigenen wirtschaftlichen Unzulänglichkeit weiter verschärft hervortreten. Die politische Führung machte öffentlich neben der hohen Verschuldung in kapitalistischen Ländern, den Arbeitskräftemangel sowie die Exportstruktur, jedoch vor allem die "offenen Grenzen" für die eigenen wirtschaftlichen Probleme verantwortlich. Daß die Sicherung der eigenen politischen Macht, der Aufbau und Unterhalt von Apparat, Parteien und Massenorganisationen jedoch ebenfalls einen großen Teil der Wirtschaftskraft in Anspruch nahm und somit unproduktiv machte, verschwieg man. Ein Bericht des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) verzeichnete im Jahr 1960 in DDR-Betrieben insgesamt 234 Arbeitsniederlegungen, an denen sich knapp 2.400 Arbeiter beteiligten, ein Signal, das die SED-Führung zum entschlossenen Handeln zwang. Neben der Absetzung mehrerer bezirklicher Funktionäre wurden Kritiker wieder vermehrt der "Hetze und Staatsverleumdung" geziehen, die im Verlauf des Jahres 1961 insgesamt zu stark gestiegenen Häftlingszahlen führte.

Der Ruf nach freien Wahlen sowie das massenhafte Abwandern von Produktivkräften in den Westen riefen in der SED-Führung das Trauma des 17. Juni 1953 wieder wach - eine Lösung mußte gefunden werden - auch eine ungewöhnliche, wenn nötig. (1)

Wer baute die Mauer?

Die Entscheidung für den Bau der Mauer war bereits Anfang August in Moskau im Rahmen der Tagung der Ersten Sekretäre der kommunistischen Führungsparteien der Staaten des Warschauer Paktes gefallen. Kurz danach begann die SED-Führung mit den Planungen zur praktischen Durchführung. Als ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen zeichnete der spätere Staats- und Parteichef und Ulbricht-Nachfolger, Erich Honecker, verantwortlich. Nur der innerste SED-Führungszirkel war im Bilde, größte Geheimhaltung war angeordnet worden.

Am 12. August um 16.00 Uhr unterzeichnete der Erste Sekretär des ZK der SED und Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht die Befehle zum Bau der Mauer. Als "X-Zeit" legte er den 13. August, 1.00 Uhr, fest. Bereits um 1.11 Uhr meldete die Ost-Berliner Nachrichtenagentur ADN, daß die DDR Maßnahmen ergreife, um "eine zuverlässige Bewachung und eine wirksame Kontrolle" der Grenze zu den Westsektoren von Groß-Berlin zu ermöglichen. (2) Noch kurz vorher behauptete er tatsächlich öffentlich: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten".

Die Mauer vom Osten her
Eine Mauer hat immer zwei Seiten: innen und außen. Unterstellt man der DDR-Führung, daß die Hauptabsicht für die Errichtung des "antifaschistischen Schutzwalls" war, die Bewohner der DDR an der Flucht in den Westen zu hindern, sah man die Mauer vom Osten her also sozusagen "von innen", während die Menschen der BRD die DDR durch die Mauer "von außen" her wahrnahmen. Die Diskussion über die Unmenschlichkeit der Mauer ist bereits vor, aber vor allem auch nach deren Fall hauptsächlich "von außen", also aus BRD-Sicht geführt worden. Doch was bedeutete die Mauer für all diejenigen, die sie entweder als gegeben, unverrück- und unüberwindbar, also Teil ihres normalen Lebens empfanden und auch für diejenigen, die sie beispielsweise als Mitglieder der DDR-Grenztruppen zu bewachen hatten?

Stefan Wolle beschreibt den im Grunde unerträglichen Zustand folgendermaßen:

Die Mauer bedeutete eine existentielle Grundtatsache des Lebens in der DDR. Das Bewußtsein, im Käfig zu leben und ihn nach menschlichem Ermessen niemals verlassen zu können, prägte den Alltag, die Mentalität der Bürger und ihr Verhältnis zur Staatsmacht. Die Sperranlagen absorbierten einen guten Teil der Phantasie und der Kreativität der Untertanen. Die einen suchten nach Möglichkeiten, sie zu überwinden, die anderen dachten über Maßnahmen nach, das zu unterbinden, während die Mehrheit versuchte, sich im Gefängnis häuslich einzurichten. Insgesamt bildete die "Staatsgrenze der DDR" eine eiserne Klammer, die das labile Szstem mit Gewalt zusammenhielt. Die Mauer war überall und insofern kein Bauwerk, sondern ein Zustand, der sich auch im öffentlichen und privaten Bereich gewissermaßen als Absperrungsneurose spiegelte. Trotz der niedrigen Kriminalitätsrate sicherte man Zäune und Mäuerchen gern mit Stacheldraht, einbetonierten Glasschwerben und gußeisernen Toren. Dort, wo der Architekt schon allein wegen der vorgeschriebenen Fluchtwege fünf breite Flügeltüren hatte einbauen lassen, fand man garantiert vier fest verriegelt. Zusätzlich gespannte Schnüre und Kettchen sollten unerwünschte Gäste am Eindringen hindern. Vor allem aber wiesen Schilder auf alles Verbotene hin. Eine DDR-typische Erscheinung waren darüber hinaus unzählige Kontrolleure jeglicher Art: permanent unfreundliche Pförtner, abweisende Betriebsschutzmitarbeiter, inkompetente, aber streng blickende Polizisten oder andere Mitarbeiter, die allesamt Dienstausweise oder andere Zertifikate verlangten. Sie notierten Namen und Adressen und fragten telefonisch an, ob der Besucher erwünscht sei und erwartet werde. Selbst eine Institution wie die Humboldt-Universität beschützten sie rund um die Uhr und verwehrten neugierigen Besuchern, besonders aus dem Westen, die "eben nur schauen wollten", konsequent den Zugang. Ohne Passierschein lief hier für "Fremde" nichts.

Das System der Grenzsicherung unterlag dem gleichen Widerspruch wie die gesamte innere Sicherheit. Beide wurden im Laufe der siebziger und achtziger Jahre entgegen dem äußeren Anschein einer vorsichtigen Liberalisierung massiv ausgebaut. Die Rücksichtnahme auf die Reputation im Westen bewirkte lediglich eine Verfeinerung und damit größere Wirksamkeit der Methoden. Anfang 1970 begann der Aufbau von Geräten des Typs SM 70, die bei Berührung der Kontaktdrähte scharfkantige Projektile verschossen und starke innere Verletzungen hervorriefen, an denen das Opfer verblutete. Ende der siebziger Jahre betrug ihre Zahl 35 000, hinzu kamen Minenfelder und andere Tötungsanlagen.


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Aktuelle Kommentare
  • T. Neumann meinte:
    Schön zu lesen, das es noch Menschen gibt, die sich nicht in die von den Medien...
  • Janek Liebetrut... meinte:
    Wir würden das Lied gern in eine Theaterinszenierung einbauen. Weiß jemand wo oder...
  • Townsville meinte:
    So ein Blödsinn. Ich zitiere Mal Amthor zum Thema Gauck und Stasi: „...es war...
  • Horst Frenzel meinte:
    Ich entschuldige mich hiermit dafür, daß ich nie etwas mit der Stasi zu tun hatte,...
  • Lena meinte:
    Auch von mir noch ein Kommentar zur Suizidstatistik: ein wissenschaftlich schwierig...
  • Frank meinte:
    @ Dettlev Dem was Du an kritischen Betrachtungen der DDR anführst, wäre sicher...
  • Menon meinte:
    Von welcher "innerdeutschen Grenze" faseln Sie da nur? Falls Sie damit die...
  • Ronny meinte:
    Was 1989 mit der DDR passiert ist kann man mit "Besatzermentalität"...
  • Uschi meinte:
    Also doch Zensur? Falls Sie es doch veröffentlichen eine kurze Sammlung von Fakten...
  • Joachim Dietric... meinte:
    Ich bin fast so alt wie die DDR und habe daher an die 40 Jahre dort gelebt....

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