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Giselher Spitzer (47), Sporthistoriker und DDR-Experte

INTERVIEW DER WOCHE

F: Nachdem sich vor zehn Jahren die Mauer auftat, konnte man vom Westen aus bald auch einen Blick hinter die Fassaden des DDR-Sports werfen. Seit ’92 arbeiten Sie mit Archivgut und sprechen mit Zeitzeugen, mit Tätern und Opfern. Der Sportausschuss des Bundestages erteilte Ihnen und Ihrem Potsdamer Kollegen Prof. Teichler Forschungsaufträge, die über das Kölner Bundesinstitut für Sportwissenschaft betreut wurden.


A: Wir hatten zwei Projekte zu betreuen. Ich beschäftigte mich mit dem Einfluss des Ministeriums für Staatssicherheit auf den Sport und mit dem DDR-Spitzensport in den achtziger Jahren. Viele unerwartete Strukturen wurden deutlich und konnten der Öffentlichkeit präsentiert werden. Mittlerweile hat man auch im Westen das System verstanden. Das ist bemerkenswert. Die Rekonstruktion des Dopinggeschehens aus wissenschaftlicher Sicht ist im übrigen durch die Berliner Prozesse wegen Körperverletzung in wesentlichen Punkten bestätigt worden.

F: Sie haben das Wort vom „Zwangsdoping“ geprägt, warum?

A: Doping war staatlich verordnet und vom Sportminister Professor Erbach „betreut“ und von Sportchef Manfred Ewald geleitet. Die beiden haben das ja lange geleugnet. Den entscheidenden schriftlichen Beleg einer exakten „Anwendungskonzeption Unterstützende Mittel“, die Umschreibung für Hormondoping, fiel mir im Archiv des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen in die Hände. In dieser Dopingrichtlinie finden sich die Namen der gedopten Sportler, die Dosierungen der unterschiedlichen Präparate und die Länge der Anabolika-Anwendungen im Verlauf der Karriere bei den einzelnen Sportlern. Wertvoll war, dass es sich in Leipzig um eine 1000 Seiten umfassende Sammlung überwiegend von Originalen aus der Dopingforschung und -anwendung der DDR handelte. Das hat sogar in einem erfolgreich abgeschlossenen Gerichtsverfahren gegen den Heidelberger Antidoping-Vorkämpfer Franke und mich eine entscheidende Rolle gespielt, bei dem es zu einem Grundsatzurteil zur Rolle der Zeitzeugen im DDR-Sport kam. Dies konnte dazu beitragen, dass der Deutsche Bundestag die Verjährungsfrist für Straftaten in der DDR letztmals bis zum Oktober 2000 verlängerte.

F: Die Täter-Opfer-Problematik. . .

A: Die Täter haben damals ihr Gehalt bekommen und besitzen heute Rentenansprüche durch die Vergabe von Dopingmitteln, während die überwiegende Zahl der Opfer nicht einmal genaue Kenntnis über Art und Menge der illegalen Präparate erhalten hat.

F: Wer hilft denen, kann denn die ehrenamtliche und begrüßenswerte Arbeit des privaten Doping-Opfer-Hilfe e.V. hier ausreichen? (Telefon: 06201 - 61008/die Red.)?

A: Über das Engagement muss man sich sehr freuen, aber jetzt sind auch die Sportverbände und der Bund gefordert. Der Deutsche Leichtathletik-Verband hat bereits von mir Vorschläge erhalten. Ebenso das Bundesinnenministerium, das diese Fragen prüft, inbesondere die des Täter-Opfer-Ausgleichs. Auch eine parlamentarische Initiative der Entschädigung von Doping-Opfern wird diskutiert.

F: Der Winzling DDR zeichnete sein Territorium größer in die Landkarten hinein, als es tatsächlich war. Offensichtlich hatte man ziemliche Komplexe. In der offiziellen Lesart dopte nur der verderbte Westen, selber folgte man angeblich dem humanistischen Ideal. Das sozialistische Bewusstsein sei groß genug, hieß es, um selbst die USA herauszufordern, kein Problem. Wie hoch war der politische Stellenwert des Sports angesiedelt?

A: Das Politbüro der SED, das höchste Entscheidungsgremium des Staates, hat die Prioritäten ganz eindeutig gesetzt. Es stand einmal vor der Wahl: Schaffen wir gegen harte Devisen einen Tomographen an, mit dem wir durch Krebserkennung jährlich hundert Menschenleben retten oder ein Doping-Kontrollgerät, damit unsere Athleten im Ausland nicht als Doper erwischt werden? Die Entscheidung fiel zugunsten des Kontrollgeräts.

F: Diesem Betrugssystem dienten Tausende von Menschen, die rund 10 000 Kaderathleten gedopt haben. Die bekamen doch irgendwann mit, dass sie ihre Berufsethik aufs Spiel setzten. Was findet sich in den Akten des Protokollanten der laufenden Ereignissen, der Stasi, über die Skrupel einzelner oder mehrerer Angestellter?

A: Wie meine Recherchen ergaben, hatten fast alle Beteiligten Bedenken. Alle Personengruppen, ob Ärzte, Trainer, Sportler oder Funktionäre, hatten dann aber nur die Wahl, mitzumachen oder aus dem für die DDR attraktiven Berufsfeld auszuscheiden. In den achtziger Jahren ist dann in den Akten die Rede davon, dass immer mehr Ärzte und Trainer den Dopingbereich verließen oder sich von vornherein weigerten, hineinzugehen. Klingt das nicht alles schon nach Krise? Zu den Krisenerscheinungen gehörte auch, dass die letzte Sportplanung erstmals nicht in der üblichen Wachstumsform genehmigt wurde. Der große Plan nach dem Motto, Geld spielt keine Rolle, wurde vom Politbüro abgelehnt. Dass der Staat bankrott war, kam endlich auch im Spitzensport an. Ebenso zwang eine Ausgabenkürzung in den Spitzensportzentren um 20 Prozent dazu, dass man als Solidarabgabe hohe Spenden von den Hauptamtlichen forderte. Nur so konnte man den Betrieb überhaupt noch aufrechterhalten.

F: Als sich die DDR aus der Geschichte verabschiedete, war auch sein Spitzensport am Ende?

A: Ja, trotz der Medaillen. Vergessen wir nicht, dass er hochsubventioniert war. Ein echter Berufssport. Ein Beamtensport mit Rundumversorgung bis zur Pension, allerdings nur im Falle von sportlichem und politischem Wohlverhalten. Dazu gehörten besonders die Schweigegelübde: vom Doping über illegale Geldzahlungen bis zu Manipulationen von Sportgeräten. Grundsätzlich konnte ich feststellen, dass man bei den Dopingpraktiken offensichtlich an die Grenzen der Leistungsfähigkeit gelangt war und der enorme vorzeitige menschliche „Verschleiß“ in der DDR nicht mehr zu verbergen war. Außerdem hatten viele Eltern ein feineres Gespür und weigerten sich seit 1984 zunehmend, ihre Kinder in die Kinder- und Jugendsportschulen zu schicken. Gäbe es die DDR noch, wäre heute zu wenig Nachwuchs da. International wäre er zweit- oder drittklassig geworden.

Interview: Robert Hartmann
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  • T. Neumann meinte:
    Schön zu lesen, das es noch Menschen gibt, die sich nicht in die von den Medien...
  • Janek Liebetrut... meinte:
    Wir würden das Lied gern in eine Theaterinszenierung einbauen. Weiß jemand wo oder...
  • Townsville meinte:
    So ein Blödsinn. Ich zitiere Mal Amthor zum Thema Gauck und Stasi: „...es war...
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    Auch von mir noch ein Kommentar zur Suizidstatistik: ein wissenschaftlich schwierig...
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    @ Dettlev Dem was Du an kritischen Betrachtungen der DDR anführst, wäre sicher...
  • Menon meinte:
    Von welcher "innerdeutschen Grenze" faseln Sie da nur? Falls Sie damit die...
  • Ronny meinte:
    Was 1989 mit der DDR passiert ist kann man mit "Besatzermentalität"...
  • Uschi meinte:
    Also doch Zensur? Falls Sie es doch veröffentlichen eine kurze Sammlung von Fakten...
  • Joachim Dietric... meinte:
    Ich bin fast so alt wie die DDR und habe daher an die 40 Jahre dort gelebt....

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